Die Jungfrau und der kranke Ritter – Geschichte

Die Jungfrau und der kranke Ritter oder Schwärmerei und Träume

Beitrag zum Literaturpreis Ruhr 2014, Förderpreis, Thema „Schauplatz Museum“

Sobald das Licht erlischt, verstummt auch das Gemurmel in dem Saale. Das ist er, der Moment, den er am meisten liebt. Diese erwartungsfrohe Stimmung. Die große Spannung, die vielleicht ein kleines Hüsteln kennt, jedoch ansonsten nichts als Schweigen. –

Und Blicke kennt sie. Blicke, die gerichtet sind auf einen Punkt. Auf einen Rahmen. Auf die Welt. Die Welt die nun vor seinen Augen neu erschaffen wird. Und anders ist, als diese Werktagswelt da draußen. Hier kann es sein, dass Liebe ihm passiert und Sehnsucht und Angst und Tod und Völlerei. Der Vorhang geht schon hoch. Das Spiel beginnt. Und Sätze dringen an sein Ohr. „O wie voll Disteln ist die Werktagswelt! Vom Rocke könnt ich sie ja schütteln, doch diese Kletten stecken mir im Herzen.“ Wie wahr, wie wahr spricht Rosalinde. Und überhaupt ist alles an ihr so, wie es ihm wohl gefällt. Der Körper zart. Voll Anmut das Gesicht. So schön, so schön. Er will sie wieder sehen. Er muss es einfach.

Da steht sie nun. Und ganz in seiner Nähe. Doch er, er kann sich nicht bewegen. Steht starr. Blickt stumm auf einen Punkt. Und immer auf denselben. Er will sich trauen, doch er kann es nicht. Er weiß, er ist nur einer unter vielen hier. Er ist ein Jüngling zwar, doch fühlt er sich sehr alt. Sehr alt. Ganz furchtbar alt.

Sie scheint so groß und er so klein. So schön ist sie. Sehr sinnlich. Sinnend auch. Die Augen schauen in die Ferne. Ihr Haupt ist leicht nach rechts geneigt. Die Arme trägt sie hinterm Rücken. So offen wirkt sie und zugleich so distanziert. Was soll er tun? Er fühlt sich ganz benommen. Die Brüste… Darf er davon sprechen? Die Brüste sind, er kann es gar nicht sagen. Nur träumen tut er stets davon. Und jede Nacht. Und immer wieder.

Elisabeth, so heißt sie in der Werktagswelt. Erst neunzehn Jahre jung ist sie. Er ist schon fünfunddreißig Jahre alt. Ihr Haar ist wirr und dunkel, so wie Gedanken, die er oftmals denkt. Ein weißes Hemd trägt sie auf ihrem zarten Körper. Und einen Schlips darauf in tiefem schwarz. Sie tut so, als sei sie der Jüngling und ihn macht sie zum Sinnenden. Voll Scham und Schuld und voll der Sehnsucht.

Sie steht und schaut auf die Skulpturen. Ganz große Augen. Lange Wimpern. Geschwungene Brauen. Hochgezogen, so dass sie eine sanfte Linie schlagen im Halbrund. Dann dreht sie sich zu ihm und lacht kokett über die Schulter. Sie lacht mit breitem, rot bemaltem Mund und sagt zu ihm: „Oh Willi, sind die schön.“ Und er, ganz stolz, doch auch ganz ohne Sprache: „Hat nichts zu sagen.“

Sie aber lässt sich nicht beirren, nimmt seine Hand, zieht ihn zu sich, zeigt mit den schlanken Fingern auf sein Werk und ist entzückt: „Schau doch, sie sind für sich und ziehen sich doch an. Er ist so übergroß und schlank. Den Fuß gehoben auf den Stein, den einen. Den anderen fest am Boden. Ganz klassisch steht er da in seiner Pose, von geradezu antiker Schönheit.“

Doch taugt er nicht zum Helden,“ spricht er zu ihr und weiß nicht, wen er wirklich meint, die Statue oder ihren Schöpfer.

Das ist, weil ganz verzerrt die Proportionen sind. Der Hals und auch die Beine sind zu lang geraten für den Rumpf und Unterarm und Hand sind`s ebenso. Und skeptisch sieht er aus, fast grüblerisch. Nicht froh auf jeden Fall, obwohl er doch emporsteigt, wie du meinst.“

Und dann beginnt er zu dozieren, weil er nicht weiß, was sonst zu sagen wäre:

Ist denn nicht alle Kunst ein ewig ringen um das Maß? Ist das nicht alles? All das, was Eindrücke bestimmt und Wirkung, den körperlichen Ausdruck, Linien, die Silhouette. Alles?“

Und sie kann jetzt nicht wirklich anders, so überwältigt ist sie von dem Künstler und von dem Mann, in diesem Augenblick. Sie küsst ihn mit dem roten Mund auf seine Wange. Ganz stürmisch und ganz innig auch. Und er wird auch rot, im Gesichte und nicht nur auf der Stelle, wo sie ihn berührt. Und es hier, in Zürich, 1916. Er will sich Ort und Datum merken. Den Augenblick bei sich behalten. Für immer, wenn das möglich ist.

Er bleibt ganz starr. Zu anderem ist er nicht geboren. Emporsteigen, das kann er nicht. Auch wenn die anderen ihn so sehen. Ihn rühmen und ihn ansehen. Mit ernsten Blicken, interessierten Mienen. Und was ist es, was ihnen bleibt? Der Frau und ihm, dem Mann? Gemeinsam ist die geistige Versunkenheit. Nichts weiter. Sie stehen da. Zwei steinerne Figuren. Der Aufstrebende er, das versunkene Mädchen sie. Ganz nah. Und doch so unerreichbar füreinander.

Er lädt sie ein, nachdem sie fertig sind mit Schauen. Sein Atelier will er ihr zeigen und hofft, dass sie ihn wird noch einmal küssen. So selig schwelgend geht er neben ihr. Ihr Arm ist eingehakt in seinen. Die Berge sehen aus wie graue Riesen. Und weiße Hüte tragen sie. Und an dem Fuß, dem ihren, da liegt das blaue Wasser. Feine Wellen. Leise Winde. Der Tag ist schön. Er fühlt sich voller Glück.

Und in den Räumen angekommen, füllt er den Wein in Gläser ein. Blutrot ist der, wie ihre Lippen. Und süß, so wie ihr Wesen ist. Sie trinken und sie tanzen bald. Sie reißt ihn mit in ihrer jungen Frische. Das Grammophon spielt „Die ganze Welt ist himmelblau…“. Sie schweben durch das Atelier. Sein Arm um ihre Hüfte, fest. Ihr Kopf an seiner Schulter, sanft. Und immer enger. Immer wärmer. Die ganze Welt scheint Melodie. „Verlass mich nie, verlass mich nie.“ Geflüstert. Und sie lacht und wirft das Köpfchen in den Nacken. Ein hübsches Mädchen, ja das ist sie. Und spielen kann sie. Ganz professionell.

Doch er verliert sein Herz an diesem Nachmittag. Und kann nichts anders tun, als zusehen, wie sie es zerbrechen wird.

Da gibt es Tage, da kommen andere Besucher. Sie kommen, sie zu sehen. Er kann nichts tun dagegen, er kann den Kopf nicht einmal drehen. Und stehen tut er abseits vom Geschehen. Gefangen ganz allein, in diesem Innenhof, umringt von Glas. Er kann’s nur hören, wie sie sprechen, schwärmen, staunen. Und wie sie anschauen seine nackte Braut. So nackt und schön, wie sie da steht. Begaffen ihre Brüste, ihre Beine.

Sie steht Modell, ganz sittsam ist das Tuch um sie geschlungen. Sie ist die Jungfrau, er der kranke Ritter. Er kniet vor ihr, sie sitzt vor ihm. Der sitzend Jüngling. Spätes Werk. Und dann, dann nimmt er ihre Hände in die seinen: „Du bist die einz’ge, die mich retten kann.“ Und sie, sie lacht ihr rotes Lachen. Sie ist die Jungfrau, er der Mann.

Und weiße Tücher werden über sie geworfen. Und jedermann ist es erlaubt, sie anzufassen. Nach ihr zu tasten. Und mit schmutz’gen Fingern. Den Po, die Hüfte, Busen zu berühren. Dabei sehnt er sich so danach, dass das nur seine Hände dürfen. Nur seine.

Er schreibt Gedichte und er liest für seine Marja. Für sie. Und nur für sie, in großen Tönen voller Leidenschaft:

Tu Kränze mir ins Haar, triumphgeflochtene,

ich träumt von Kränzen…

von Farbenrausch und Düften funkelnd

so rot wie Blut aus heißer Wunde,

so heiß als wie der Liebe Mund.

So funkelnd wie Rubin und Wein,

wie Sonnenglut von dunkler Nacht…

Manchmal, da kommen sie in Scharen. Sie sind noch jung. Sind viel zu jung für sie. Und kichern albern, ganz verschämt. Zu grün hinter den Ohren für die Sinnlichkeit. Das ist das schlimmste Schauspiel, das sie spielen muss. Und ohne eine Miene zu verziehen. Ganz scheu senkt sie den Blick. Sieht keinen an. Lässt’s über sich ergehen. Vielleicht genießt sie es sogar. Er weiß es nicht. Er will es auch nicht wissen.

Am Bühneneingang stehend; die roten Rosen in der Hand. Geliebter ist er, Gönner und Galan. Der einzige nicht, er weiß es jetzt. Doch das ist ihm egal. Er liebt sie immer. Und nur sie. Und innig. Und mit allem, was er hat.

Wie eine Diva tritt sie nun hinaus ins Licht des Mondes, der sie bestrahlt, so wie ein Spot den Star des Abends. Die Menschen jubeln allesamt und mancher fordert auch ein Autogramm. „Frau Bergner, bitte hier.“

Und Blitzlicht von den neuesten Apparaten, scheint grell ihr in die Augen rein. Obwohl das hier verboten ist. Ganz strengstens ist es nicht erlaubt, auf Fotos festzuhalten all die Exponate. So ist das eben hier, in diesem Raum, in dieser Zeit.

Nur Lehmbruck steht ganz lahm mit seinen Blumen in der Ecke. Und wartet ab und schaut ihr zu. Wie sie sich badet zwischen all den Körpern und Leidenschaft verschenkt und auch Versprechen. Sein Herz, das schlägt wie wild und seine Hände würden gerne um sich schlagen. Sie sind so voller Eifer und suchen etwas, das zerstört sein will. Geschaffen hat er all die Jahre mit den Zweien. Jetzt will er nichts mehr schaffen. Jetzt will er nur gewinnen. Sie. Und ganz für sich allein. Ihr Gott sein und ihr Held. Damit sie bei ihm bleibt.

Im Bett zuhause wirft auch er das weiße Laken über sie und wälzt sich mit ihr, liebt sie, küsst sie, streichelt ihre Haut. So ganz von Sinnen ist der Sinnende.

Sie sitzt dann da und raucht und streckt den Körper weit empor. Und sagt zu ihm: „Ich werde dich verlassen. Nach dieser Nacht komm ich nicht wieder. Es langweilt mich, mit dir zu sein.“ Und er, er will nicht, dass sie geht. Er klammert sich an sie und schreit und weint und ist entsetzt: „Oh Marja, nein, verlass mich nicht. Verlass mich nie mehr wieder.“

Doch sie macht seine Hände los und wirft sie weg und drückt die Zigarette aus. Sie zieht sich an und geht zur Tür und dreht sich einmal noch zum Bette um. Und Wilhelm wirft ihr hinterher: „Ich hoffe, Gott verzeiht dir deine Grausamkeit.“ Doch sie zuckt mit den Achseln nur und spricht zu ihm in spött’schem Ton: „Warum auch sollte er das nicht? Das ist doch schließlich sein Beruf.“ Und schließt die Tür.

Er ist verdammt und ohne Glück. Er ist verdammt, eine Skulptur zu sein. Sein Titel ist das einzige, was nach Verheißung klingt. Der Rest ist Stein. Der Rest ist Schweigen. Und Leben kann er nicht. Und auch nicht in den Himmel steigen. Den weiten, blauen Himmel über ihm. Ganz weit empor.

Er steht nur da mit seiner Sehnsucht und mit seinen Träumen. Einhundert Jahre lang hofft er nun schon darauf, das er lebendig werden könnte. Lebendig, wie all die Besucher. Um zu der großen Sinnenden zu gehen und sie zum Tanzen aufzufordern. Zum Tanzen, Lachen und zum Lieben. Zu sein wie all die anderen, die jeden Tag in diese Räume strömen, um sie zu sehen und um sie zu bestaunen. Die Flüstern, Tasten, Kichern, Schauen und dann hinaus ins Grüne schreiten. Dann, wenn die Öffnungszeit zu Ende ist. Dahin, wo diese Werktagswelt beginnt. Voll Abenteuer und voll Möglichkeiten.

Er hat nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Ein Telegramm will er ihr senden. Von seiner Reise nach Berlin. „Marja, wenn du mich retten willst, dann komm zurück,“ schreibt er darauf. Und schreibt es voll der Hoffnung. Doch sie, sie schreibt ihm nichts und lässt den Ritter krank zurück. Allein mit seinen Träumen und den Schwärmereien.

Drum will er jetzt auch noch die letzte Türe schließen und für immer. Will nichts mehr fühlen, nicht mehr leben, nicht mehr leiden. Er will so tot sein wie der Stein, aus dem er all seine Geschöpfe einst gemacht, den Jüngling und die Sinnende und all die anderen Skulpturen. Er betet noch, dass seine Seele in den Himmel steigen möge und dass der Herrgott ihm verzeiht. „Das ist doch schließlich sein Beruf,“ denkt er da eben und lächelt still ein allerletztes Mal. Da liegt er nun am Boden, der wunderschöne Willi, und er sieht aus wie einer seiner Werke. Gestürzt. Erstarrt. Vollkommen leblos. Zu einer Statue ist auch er geworden. Zu einem Kunstwerk. Frei und tot.

Mein Schöpfer, so ist die Welt doch ganz und gar verkehrt. Du willst nicht leben, ich nicht tot sein. Und doch bleibst du lebendig auch noch heute, ’86. Durch mich. Durch die Skulptur, die leblos hier tagein, tagaus, in diesem Glasbau steht. In diesem Bau, den die Besucher stets Museum nennen und den dein Sohn für dich entwickelt hat. Das ist absurd!“ Das denkt er grad, der Jüngling, der emporsteigt und trotzdem seinen Fuß ganz fest am Boden hat. Er denkt es nur und spricht es nicht und schreibt es nicht, er ist ja starr und stumm. Er sinnt es nur, wie die, in die er so verliebt ist. Die große Sinnende. Doch das ist wohl das Einzige, was ihn mit ihr verbinden wird. Jemals. Die geistige Versunkenheit.

Auf dem Friedhof in dem Wald, steht eine alte Schönheit – glatt siebzig Jahre später als zuvor – vor seinem Grab und sinnt nun auch. „Ach Willi“, sinnt sie, „ach, war ich so grausam? Doch keine Schuld trifft mich! Das hat der Adler selbst gesagt. Das könnte mir so passen!“ Sie legt ein Kranz dort nieder, triumphgeflochten, von Farbenrausch und Düften funkelnd, so rot wie ihrer Lippen Mund. Und geht ihm nach, alsbald.

Und im Museum Lehmbruck, da wundern sich die Kuratoren. Er ist gestürzt, der Jüngling, draußen, dort im Innenhof. Er hat versucht sich zu ermorden und hat sich selbst vom Sockel fallen lassen. Das darf nicht sein. Das künstlerische Lebenswerk woll’n sie doch hier erhalten. Vom Wilhelm. Und alle soll’n es sehen dürfen. Die Kinder und die Jünglinge, die ganze breite Öffentlichkeit. Drum heben sie – und mit gebotener Vorsicht – vom Boden ihn schön langsam wieder auf. Und restaurieren ihn ganz liebevoll. Und stell`n ihn auf den Sockel wieder rauf.

© mymy, 2014

Foto: Statue von Lehmbruck, vor dem Lehmbruck Museum in Duisburg, (c) Verena Meyer

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