Life. On Stage – Handbuch Theatertherapie

Life. On Stage - Handbuch Theatertherapie

Im Folgenden lest ihr einen Ausschnitt aus dem Fachbuch „Life. On Stage“, welches sich mit der Theorie und Praxis der Theatertherapie beschäftigt. Das Buch ist 2013/14 im Schibri-Verlag erschienen und kann dort für 19,90 Euro bestellt werden (http://www.schibri.de).

Leserstimmen zum Buch:

Das Handbuch ist informativ, klug, warm, inspirierend, lehrreich!
Beim Studieren habe ich so manchen „AHA“ Moment erlebt und dafür bedanke ich mich recht herzlich bei den beiden Autorinnen!
„Life. On Stage“ ist ein wichtiges „Grundlagenbuch der Theatertherapie“, das mir bisher fehlte! 
Andrea Rakers (Theaterpädagogin und -therapeutin, Berlin)

Endlich angekommen im theoretisch-praktischen Unterbau. Ich darf freimütig gestehen, dass ich nun endlich eine Ahnung von dem bekomme, was ich in den letzten Monaten gemacht habe. Jetzt weiss ich besser, was ich will und was die gemeinsame Arbeit mit den Teilnehmern wertvoll macht. Dank dafür! Ehrlich! Frank Warneke (Schauspieler und Theaterpädagoge, Bremerhaven)

Ausschnitt aus dem Kapitel 7: Hartz Fear TV – Die Jensen Show

Konfrontation und Intervention

Die Storming Phase

Nach den Auseinandersetzungen mit den vorwiegend bitteren Seiten der Arbeitslosigkeit, nach all dem Mangel, nach all den Klischees, wollen wir nun endlich auch mal zu dem kommen, was die TN im Positiven ausmacht. Die nächsten drei Treffen bis zum Jahresende sind für die Kindheitsträume und die persönlichen Stärken reserviert. Die TN dürfen spielerisch und gedanklich „aussteigen“ aus dem Los der Arbeitslosigkeit, aus den tristen Tagesabläufen, aus den Demütigungen auf dem Amt und in den Maßnahmen.

Ziel dieser Arbeitstreffen ist die Auseinandersetzung mit den persönlichen Träumen, Wünschen, Stärken, um zu erfahren, dass jeder etwas wert ist, ob mit oder ohne Arbeit

In einer kurzen Traumreise (ÜB 60) gehen wir zurück in die Kindheit und insbesondere zu den Berufswünschen dieser Zeit: Was wollte ich mal werden, als ich klein war? Diese Phantasien werden dann auf einem Catwalk präsentiert und von den anderen TN moderiert bzw. durch wohlwollende Reaktionen wie Jubel und Applaus honoriert (ÜB 10). So entstehen berührende Bilder z.B. eines Models, das wie wild fotografiert wird, eines Fußballstars, der für weitere Tore angefeuert wird oder einer berühmten Schauspielerin, der die Herzen und Rosen zufliegen. Zum Schluss setzen wir auf die fertigen Bilder ein passendes Musikstück, welches sich die TN zum Teil selbst wählen, z.B. „Das Model“ von Kraftwerk.

Bei den persönlichen Stärken geht es mir zunächst „nur“ darum, den Forderungen „wie man sein sollte“, um angeblich „normal“ zu sein (Hein, S. 83) einen einzelnen, individuellen Satz entgegenzustellen. Einen Satz, der ausdrückt, „was mich ausmacht/was ich besonders gut kann“ (ÜB 51a.). Doch das bereitet allen TN große Probleme.

Beobachtungen und Interventionen

In dieser Arbeitsphase entstehen heftige Krisen, Konflikte einzelner TN mit sich selbst und der SL sowie Positionskämpfe und Unmut in der Gruppe. Ich möchte daher meine Beobachtungen zu dieser Phase etwas detaillierter darstellen und mir Zeit nehmen, die getätigten Interventionen näher zu umreißen.

Bitte sei für mich da!

Die Grenzen der Spielleiterin erkennbar machen

Bereits in den letzten Proben hat sich die Unzufriedenheit einer Spielerin ganz besonders hervorgetan. Es ist eine Frau (ich nenne sie hier Z) mit sehr viel Theatererfahrung und ebenso viel Ehrgeiz. Sie nimmt körperlich und energetisch sehr viel Raum ein und engagiert sich über die Maßen für die Gruppe. Z trägt viel dazu bei, dass innerhalb der Proben spielerische Impulse gesetzt und alle motiviert und animiert werden. Diese Funktion des „Zugpferdes“ hilft oft an müden oder grauen Tagen, manchmal überfährt sie aber auch die anderen TN, die sich nur schwer abgrenzen können. Aber Z fordert dasselbe Engagement von ihren Mitspielerinnen und das können und wollen nicht alle abliefern. Dadurch entstehen Reibungen zwischen verschiedenen Personen, die allerdings nicht offen ausgetragen oder in den Proben angesprochen werden, sondern sich subtil äußern, durch Ungeduld miteinander beim Arbeiten, durch hochgezogene Augenbrauen, wenn etwas nicht klappt, durch Reden übereinander nach den Proben. Ebenso zeigen sich Widerstände. Ein TN verlässt z.B. regelmäßig den Probenraum, wenn es ihm zuviel wird. Z nervt das und sie bezieht es zudem auf ihre Person, definiert es als Ablehnung gegen sich selbst. Natürlich spreche ich das mehrfach in Abschlussgesprächen nach der Probe an, doch kein TN äußert sich hier zu den Problemen. Alle schweigen. Ich muss also für eine „Aussprache“ eine konkrete Form anbieten, die das Sprechen erleichtert.

Was nun noch auf einem Nebenschauplatz passiert, ist, dass Z den Schulterschluss mit mir sucht. Nach jeder Probe bekomme ich mehrere SMS oder Mails mit Lob, Anregungen, Beschwerden, Befindlichkeiten von Z. Doch ich möchte mich nicht instrumentalisieren lassen bzw. kann Z – gegen ihre Erwartungen – nicht außerhalb der Proben mit ihren persönlichen Sorgen und Bedürfnissen betreuen.

Daher beschließe ich mich zu folgenden Interventionen: einem Konfliktgespräch mit Z, in dem der Teil des Themas, der nur uns zwei betrifft, unter vier Augen offen angesprochen wird und in dem ich meine Grenzen setze und noch einmal (Spiel-)Regeln des Miteinanders während der Proben verdeutliche. Zum anderen plane ich eine spielerische Gruppenintervention, die Erwartungen und Wünsche aneinander offen macht und diese konstruktiv formuliert.

Das Gespräch mit Z verläuft sachlich und konstruktiv. Mir geht es vor allen Dingen darum, meine Grenzen zu setzen und Verantwortlichkeiten zu klären. Z nimmt an, dass sie im Rahmen des Theaterprozesses, also während der Zeit der Proben, stets ihre Befindlichkeiten äußern kann und es hier einen Rahmen zur Klärung jeglicher Störung gibt. Außerhalb der Proben jedoch kann ich sie aus unterschiedlichen Gründen nicht weiter begleiten, ihr keine Therapeutin, Freundin oder Mutter sein. Aufgefangen werden kann das, was durch den Prozess in ihr ausgelöst wird, durch die angegliederten Betreuungspersonen sowie durch ihre Therapeutin. Das versteht und akzeptiert sie. Mit ihrer Betreuerin vereinbart sie nach unserem Gespräch, meine Kontaktdaten aus ihrem Telefon und Mailaccount zu löschen und Probleme und Bedürfnisse aller Art – wenn nötig – während der zur Verfügung stehenden Probenzeit mit mir und der Gruppe persönlich zu klären.

Mehr als die Summe ihrer Teile

Wünsche und Erwartungen an die Gruppe aussprechen

Innerhalb der Probe führe ich ein Forum der Wünsche (ÜB 27) mit dem Ensemble durch. Da es auf Weihnachten zugeht, greife ich die Idee des Wunschzettelschreibens auf. Jede TN bekommt ein Blatt mit der Überschrift „Meine Wünsche und Erwartungen an die Gruppe und das Projekt“. So kann jede zunächst ganz in Ruhe und für sich allein die eigenen Erwartungen überdenken und notieren und sie dann – im geschützten Rahmen und mit genau festgelegten Spielregeln – offen aussprechen. Zum Abschluss entwickeln die TN einen Jingle, der ihre gemeinsame Kraft und Stärke als Gruppe zum Ausdruck bringen kann.

Ich beobachte, dass es allen Personen äußerst gut tut, eine Stimme zu bekommen, gehört zu werden und ein Forum zu haben, in dem Probleme, Sorgen und Wünsche auf Augenhöhe angesprochen werden können. Alle halten sich an die Regeln und so läuft der Wunschkreis mit großem Respekt ab. Im anschließenden Jingle können sich alle Anspannungen entladen und die ernste Stimmung aufgebrochen werden. Die Gruppe kann sich mit dem Jingle identifizieren. Er wirkt wie ein Schlachtruf, der die TN aufeinander einschwört und den Zusammenhalt, Stärke und Kraft der Gruppe ausdrückt.

Was ist an mir schon besonders?

Die Identifikation mit dem Mangel und die Suche nach den Stärken

Weiter geht es mit einer Probe zu den persönlichen Stärken jedes Einzelnen. Nur einen Satz sollte dazu jede innerhalb einer Woche aufschreiben (ÜB 51b.). Doch alle TN kommen mit leeren Händen. Ich bin gleichermaßen schockiert, wütend und unendlich traurig. In den Proben habe ich bisher so viel Kraft, so viel Können, so viel Kreativität gesehen und jetzt das? Nun heißt es innerlich schnell umdisponieren. Jede schreibt für einen Anderen einen Satz auf: Was mag ich an ihm oder ihr? Was kann sie oder er gut? Die Beschämung über die Komplimente ist genauso groß wie der Stolz. Doch die Sätze dann laut auszusprechen, sie in die Ich-Form umzuwandeln und laut zu sagen „Ich kann das gut!“ oder „Ich bin darin stark!“ fällt unendlich schwer. Albernheit schafft da Distanz. So leise zu sprechen, dass es möglichst niemand hört. Oder aber, den Satz einfach runter zu rattern, die Worte ohne emotionale Anbindung zu sprechen.

Ich beobachte, wie leicht die TN mit dem Mangel, mit den Schwächen, mit den Vorurteilen umgehen können und wie schwer es ihnen jetzt fällt, an die eigenen Stärken zu glauben und sie laut auszusprechen. Die Gesellschaft schafft es offenbar, durch die ewige Wiederholung der immer gleichen Stigmatisierungen, dass sich die Arbeitslosen am Ende damit völlig identifizieren und auch an sich selbst nichts Gutes mehr erkennen.

Aber ich lasse nicht locker, denn schließlich ist unser Projektziel u.a., die Ressourcen der TN und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. In der nächsten Woche arbeiten wir mit Körperumrissen, die von den Einzelnen selbst innen und den anderen außen mit Attributen zur jeweiligen Person gefüllt werden. Dazu liegen die Plakate mit den Körperbildern im Raum und alle haben Zeit, mit ihrem Stift umherzuwandern und schweigend das ein oder andere Wort über den Anderen und sich Selbst loszuwerden. Jedes Ensemblemitglied hat am Ende nun eine Selbst- und eine Fremdeinschätzung zur eigenen Person schwarz auf weiß vor sich und kann diese als Inspiration für einen Ich-Spot (ÜB 5) zur eigenen Stärke nutzen.

Durch die Einschätzungen der Anderen ermutigt, fällt es den TN leichter, auch etwas Positives über sich selbst zu sagen. Viele äußern sich erstaunt über die vielen positiven Attribute, die ihnen zugeschrieben werden oder entdecken Dinge, die sie für so selbstverständlich genommen haben, dass sie sie niemals selbst aufgeschrieben hätten. Ebenso wird in der Reflexion deutlich, dass Eigenschaften, die man selbst an sich für negativ gehalten hat, von anderen als positiv eingeschätzt werden und so alles von der Perspektive und auch der Situation abhängt. Keine Eigenschaft ist per se gut oder schlecht.

Als Hausaufgabe bekommen die Spielerinnen nun auf, das Körperbild zuhause an einer Stelle aufzuhängen, an der sie es immer wieder betrachten können und aus den gesammelten Eindrücken der letzten Proben einen Ich-Monolog über das zu schreiben, was sie besonders macht.

Dieses Mal funktioniert es und alle kommen nach den Weihnachtsferien mit beeindruckenden Texten zurück:

Ich setze mich für Dinge ein, die mir wichtig sind, auch wenn ich mal falle; dann stehe ich wieder auf und ziehe es durch. – Ich bin immer für andere da, habe für jeden ein offenes Ohr. Habe Humor, bin authentisch und ehrlich und das verlange ich von anderen auch.

Ich finde gut an mir, dass ich immer wieder aufstehe!

Ich mag mich so, wie ich bin!

Ich habe viel Herz. Bin zurückhaltend, aber auch mutig!

Ich weiss was ich will. Ich möchte einfach so genommen werden, wie ich bin, denn ich bin ein Unikat.

ICH bin besonders, weil ICH MIR die Freiheit nehme MEIN EIGENes Leben zu leben,

ICH BIN zu’FRIEDEN zu MEINem GLÜCK. Mein großes Temperament und mein MUT -manchmal FRECHHEIT genannt-, EHREn und motivieren mich. VIVE die EHR’lichkeit; non je ne regrette rien!

© Anklam/Meyer, Life. On Stage – Handbuch Theatertherapie, ISBN 978-3-86863-117-3, 230 Seiten, Schibri Verlag, 2013

Foto: Buchtitel, (c) Sandra Anklam

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