Proberaum Leben – Theaterstück

Es folgt ein Ausschnitt aus dem Theaterstück „Proberaum Leben“, welches 2014 den ersten Preis beim Stückewettbewerb NRW „Reif für die Bühne“ gemacht hat und am 10. Dezember 2015 am Jungen Schauspiel Bochum uraufgeführt wurde. Ensembles, die das Stück spielen möchten, wenden sich gerne an mich!

Inhalt:

Eine Seniorentheatergruppe trifft sich zur Probe und sucht nach einem geeigneten Stück. Verschiedene Themen für die Bühne werden diskutiert: Tod, Leid, Liebe, Sex… Welche davon sind im Alter wesentlich, welche will man erzählen? In der Diskussion entstehen dabei Fragen wie: Was geben wir von uns preis, im Leben und auf der Bühne? Wie weit öffnen wir uns vor uns selbst und für Andere mit unserem ehrlichen Gesicht? Wie lange warten wir, um wirklich das zu tun, was uns im Leben wichtig ist? Und: was ist wirklich wichtig in unserem Leben? –

Die Jury schreibt:

Verena Meyer hat mit „Proberaum Leben“ eine kluge und durchdachte Vorlage für die verschiedenen Zusammensetzungen und Größen von Seniorentheatergruppen geschrieben. Sie gibt ihnen ein ausgereiftes Stück an die Hand und lässt dabei doch genügend Raum für eigene Vorstellungen und verschiedene Spielweisen.
Verena Meyer wählt gekonnt verschiedene Textstücke aus Shakespeare-Klassikern und greift die dort verhandelten Fragen und Inhalte in eigenen, miteinander verwobenen Satzfolgen auf. Dabei verbindet sie geschickt das klassische Text- und Szenenmaterial mit Themen des Alters wie Liebe, Selbstbestimmung, Rache, Heimat und Sterben. Mit Werbeblöcken unterbricht sie den Spielverlauf: Gekonnt persifliert sie Werbungen für Apps, hilfreiche Computerprogramme, die versprechen, die Probleme des Alltags im Alter für kleines Geld zu lösen, und verstärkt so die Dringlichkeit der zu verhandelnden Fragen. Verena Meyer baut die einzelnen thematischen Passagen dramaturgisch klug auf und setzt Perspektiven sowie Haltungen gegeneinander – ein intelligentes und überzeugendes Spiel mit Gegensätzen. Als roten Faden nutzt sie die Passagen aus Shakespeare-Werken, die sie nach und nach verfremdet und in ihre eigene sprachliche Form integriert.
Die Dramaturgie des Stückes bietet vielfältige szenische Umsetzungsmöglichkeiten. Die Festlegung von Figuren und Situationen ist variabel. Das Shakespeare Zitat „die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler…“ verbindet sie mit Fragen und Suchen des heutigen Seniorentheaters sowie aktuellen postdramatischen Theaterformen. Verena Meyer überzeugt mit „Proberaum Leben“ durch ein breites inhaltliches und szenisches Spektrum. In der Verknüpfung der unterschiedlichsten Textbausteine verdichtet sie ihre Aussage und wirft so eine aktuelle, ernstnehmende, aber auch humorvolle Sicht auf Alter und Alt-Sein in unserer heutigen Gesellschaft.
„Proberaum Leben“ ist eine gute Grundlage für jede Ensemblegröße sowie die unterschiedlichen Strukturen des Seniorentheaters und stellt der Gruppe und dem Inszenierungsteam attraktive Aufgaben.

Ausschnitt

Personen: Wie gewonnen so zerronnen

(mit ansteigender Feierlaune; Lautstärke und Tempo dürfen sich steigern)

Wir können gar nicht überhört werden.

So viele, wie wir sind.

Wir brauchen nur noch einen Traum.

Einen richtigen.

Einen guten.

Gut und günstig!

Für uns.

Für unser Stück.

Für unser Stück Leben.

Etwas, wofür es sich lohnt.

Die Stimme zu erheben.

Die Mehrheit auszukosten.

Ohne Kosten!

Wir sind keine grauen Panther.

Wir sind bunte Helden.

Herden.

Jeder Rasse, jeder Art.

Jungsenioren.

Senioren.

Hochaltrige.

Nach Kindheit und Jugend…

Nach dem Erwachsen sein…

Nach Lernen und Arbeiten…

Bleibt uns noch Zeit.

Für Ruhe.

Und Rente.

Und Träume.

Immer mehr.

Zeit.

Fast 20 Jahre.

Zum Träumen.

Fast 7300 Tage.

Zum Leben.

Wir sind Hochbetagte.

Langlebige.

Und wir werden immer mehr!

Wir geben dem Leben nicht mehr Jahre.

Wir geben den Jahren mehr Leben.

Wir gehen mit 50 in Rente.

Wir ziehen mit 60 in eine WG.

Wir laufen mit 70 einen Marathon.

Und beraten mit 80 Firmen im Ausland.

Wir lassen uns mit 90 liften.

Und mit 100 steigen wir aus dem Fenster.

(alle jubeln)

Wir machen, was geht.

Es geht noch viel.

Wir sind nicht alt.

Wir werden nur älter.

Wir sind wie guter Wein.

Je oller, je doller.

Ha! Wein her.

Voll den Becher!

Prost!

(sie stoßen an; trinken)

Wir schwanken nicht.

Wir sind nicht dreifüßig am Abend.

Wir stehen am Morgen des Vita Tertia!

Wir sind so alt, wie wir uns fühlen.

Wir sind wie Wetter.

Gefühlte Temperaturen.

Heiß auf`s Leben.

Und den ganzen Rest.

Heiter auch.

Macht nicht die Heiterkeit das Wohlgefühl der Jahre?

Klagt nicht, klagt nicht, ach und weh!

Weckt auf die kecke, flinke Lustigkeit!

Verweist den Kummer zu den Leichenzügen!

Zu den Leichenzügen.

Verdammt noch mal.

(die Stimmung bricht jäh zusammen; Stille; man hört nur erschöpfte Atemgeräusche; vielleicht auch Herzklopfen)

Und jetzt?

Was wird jetzt hier gespielt?

Wir wiss’ens nicht!

(Pause)

Und jetzt?

Was wird jetzt hier geprobt?

Für`s Leben gibt es keine Probe!

Wach auf!

Szene: Traum und Wahrheit (Der Widerspenstigen Zähmung)

Zapfer: Wach auf! Wach auf! Jetzt, da der Tag an dem kristallnen Himmel dämmert, …

Schlau: Sind all die Spieler fort?

Zapfer: Was? Bist du noch besoffen?

Schlau: Ich weiß jetzt, wie man Drachen zähmt, ich hab davon geträumt die ganze Nacht…

Personen: Drachen und Ängste

Drachen?

Zähmen?

Warum zähmen?

Immer zahm sein.

Höflich.

Still.

(Pause; dann wütend)

Haben wir nicht auch ein Recht?

Auf Drachen?

Das Recht, uns zu beschweren?

Feuer zu speien?

Haare auf den Zähnen zu haben?

Auf den Drachenzähnen?

Auf den dritten Zähnen!

(Pause)

Das Recht aufs Alt sein.

Auf Autorität.

Auf Alpträume!

(Break)

Alpträume?

Alpträume von Immobilität.

Passivität.

Pflegefällen.

Das Recht auf Angst?

(Break)

Angst!!!???

(Pause)

Angst vor Abhängigkeit.

Angst vor dem Altersheim.

Angst vor Alzheimer.

Angst vor dem Abstellgleis.

Angst vor dem Alleinsein.

Angst vor dem Abkratzen.

Verdammt noch mal.

Vor „Aufstehen. Essen. Schlafen“.

Vor Arthrose.

Altersstarrsinn.

Antriebslosigkeit.

Vor dem Aufhören müssen!

Chor: AgePhobic, Game. IOS, Android, Windows Phone, 1,99 €

Spiele dich und deine Drachen durch verschiedene Zeitalter und vergrößere deine Skrupellosigkeit. Spiel dich von der Rente über den Rollator in den endgültigen, wohlverdienten Ruhestand. Level für Level werden dabei die Herausforderungen immer größer, während die Drachen kleiner werden. Ein echter Thrill, der am Ende ein packendes Duell zweier Helden auf Augenhöhe bereit hält. Nur du und der nackte Kampf ums Überleben!

© alle Rechte bei der Autorin, 2014

Foto: Goldene Figuren von Verena Meyer, Acryl auf Pappe, 2014

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