Warte Marte – Geschichte

Warte Marte ist eine Kurzgeschichte darüber, dass man im Leben nie aufhören sollte, Dinge zu hinterfragen und nach eigenen Antworten zu suchen. Ein Plädoyer dafür, sich selbst zu trauen, die Seele fliegen zu lassen und nicht darauf zu warten, dass es irgendein anderer etwas zum ersten Mal probiert.

Warte Marte

Marte war ein kleines, zierliches Mädchen. Meistens trug sie einen rotes Mäntelchen und eine rote Mütze aus Wolle. Ihr Mantel hatte keine Ärmel, so dass die dünnen Ärmchen an beiden Seiten hervorstanden wie Triebe an einem Kirschbaum. Auch die Beine lukten wie Besenstile unter dem Saum hervor.

Obwohl Marte zierlich und leicht war, fühlte sie sich oft schwer. Unter dem Mantel versteckt gab es nämlich einen großen Raum. In ihm schlug ein Herz und es gab darin Luft zum Atmen. Daher bewegte sich der Raum auf und ab, schlug hin und her. Das alles geschah ganz von allein, ohne das Marte etwas dazu tun musste. Doch neben dem roten Herz und der grünen Luft, gab es noch etwas in diesem Raum. Etwas, das drückte, etwas, das zu klemmen schien, etwas, das nicht von selbst funktionierte, etwas, das sich wie ein schwerer, schwarzer Stein anfühlte. Was das war, wusste Marte nicht. Sie wusste nur, dass es an manchen Tagen eher klein und an anderen wiederum riesengroß war. Und das machte ihr Angst.

Marte lebte in einem kleinen Dorf mit Häusern und Bäumen. Die Häuser hatten rote Dächer und die Bäume grüne Blätter. Inmitten der Häuser und Bäume rakte ein grauer Berg hervor. Er sah aus, als hätte ein Riese mit Kieseln gespielt und diese mit seiner großen Hand zu einem Gebilde übereinander getragen, das aus vielen, mächtigen Steinen bestand. Ganz unten, am Fuße des Berges, waren die Steine breit und schroff. Zur Spitze hin wurden sie immer kleiner und runder. Kein Bewohner des Dorfes hatte den Berg je betreten, denn es ging die Sage, dass Menschen, die den Gipfel erklimmen wollten, das Steingebilde zum Einsturz bringen und somit das Dorf für immer zerstören würden.

Häuser, Bäume und Berg standen auf einem weichen Untergrund und manchmal, in windigen Nächten, schien es, als würde sich die Erde leicht bewegen. Der Boden bestand aus allen Farben, an manchen Stellen war er blau, an manchen orange. Es gab sogar Flecken, die aussahen, als hätten sie Muster, karierte und getupfte, linierte und geblümte. Kein Bewohner des Dorfes war je in den Grund hinabgestiegen, denn es ging die Sage, dass Menschen, welche Löcher und Höhlen in den Boden graben würden, das Fundament des Dorfes zum Einsturz bringen und somit Häuser und Bäume für immer zerstören würden.

Marte aber war neugierig. Sie wollte alles wissen. Sie wollte wissen, was der Grund war und wie es bergauf ging. Sie wollte Antworten auf die Fragen, was sie bedrückt oder wer diese komische Beklemmung tief in ihr hervorrief.

Oft versuchte sie, ihren Eltern all diese Fragen zu stellen. Aber die hatten entweder keine Zeit für die kleine Marte (ihr müsst wissen, dass sie tagein tagaus harter Arbeit nachgingen) oder sie wichen einer Antwort aus, indem sie sagten: „Wir versorgen dich gut, an was sollte es dir fehlen?“ oder „Gott hat den Berg und den Boden geschaffen, um uns zu zeigen, wo oben ist und wo unten und das sollten wir Menschen nicht in Frage stellen.“ – „Alles fügt sich harmonisch zusammen“, sagte die Mutter, „alles ist gut.“ – Und der Vater fügte hinzu: „Irgendwann wirst du es verstehen, mein Mädchen. Warte nur, bist du groß bist. Warte, Marte, warte!“

Aber auf was sollte Marte warten und wie lange?

Darauf, dass sie so groß wurde wie die anderen Dorfbewohner? Sie hatte nicht den Eindruck, dass die wirklich Antworten auf ihre Fragen hatten.

Darauf, dass ihr dieser Gott begegnen würde, von dem die Eltern sprachen? Aber sie hatte ihn noch nie gesehen und wusste gar nicht, ob es ihn wirklich gab.

Vielleicht, so dachte Marte, nutzt warten ja gar nicht. Vielleicht, so dachte Marte, muss ich darüber nachdenken, was ich tun kann, um Antworten zu bekommen.

Also ging sie ein Stück aus dem Dorf hinaus zu dem Platz, an dem ihr Lieblingsbaum stand. Der Baum hatte lange, dünne Arme wie sie und er war der einzige, der keine grünen Blätter trug. Viele Dorfbewohner waren der Meinung, der Baum müsse gefällt werden, da er keine Früchte trieb und zu nichts nützlich zu sein schien. Aber Marte war da ganz anderer Meinung. Sie setzte sich ins Gras, lehnte sich mit ihrem Rücken an den Stamm ihres Freundes und begann zu denken.

Nach einer Weile hörte sie über sich einen wunderschönen Gesang. Ein Vogel hatte sich auf einem Ast des Baumes niedergelassen. Er trug ein ebenso rotes Mäntelchen wie Marte und schien ihr auch sonst verwandt zu sein. „Wer bist du?“, fragte Marte. „Ich bin Regina, das Rotkehlchen. Die Königin des Himmels.“ Dabei blähte das Vögelchen stolz seine rote Brust. „Was machst du hier?“, zwitscherte es Marte zu. „Ich warte,“, sagte Marte „ich warte – und denke nach“. „Worüber?“, fragte das Vögelchen. „Ich denke darüber nach, warum etwas in mir ist, das drückt, etwas, das zu klemmen scheint, etwas, das sich anfühlt wie ein schwerer, schwarzer Stein,“ antwortete Marte. Und während sie das sagte, zeigte sie auf ihren Herzensraum und atmete dabei ganz tief ein und wieder aus, damit das Tier sehen konnte, wovon sie sprach. „Flieg mit mir,“ forderte sie das Rotkehlchen unvermittelt auf und flatterte dem Mädchen um den Kopf herum, „denken nützt da nicht viel, glaub mir.“ „Ich kann aber nicht fliegen,“ jammerte Marte und sank noch tiefer in sich zusammen. „Du hast es sicherlich noch nie versucht,“ zwitscherte ihr der Vogel ins Ohr und er hatte damit durchaus recht. „Aber wie soll ich denn das anstellen,“ empörte sich Marte, „ich habe keine Flügel, so wie du.“ „Oh, doch,“ sagte Regina, „jeder hat Flügel, auch du! Komm mit mir auf den Berg.“ „Auf den Berg?“ Die Vorschläge des Vogels wurden immer seltsamer. „Ja, wenn du über den Berg siehst, wird es weit. Von dort aus kannst du fliegen.“ „Aber ich darf nicht auf den Berg steigen, weil Menschen, die den Gipfel erklimmen wollen, das Steingebilde zum Einsturz bringen und somit das Dorf für immer zerstören.“ „Weißt du das oder vermutest du das?“ Das Tier ließ nicht locker. „Es wurde mir gesagt.“ „Glaubst oder tust du alles, was man dir sagt?“ Marte kam ins Grübeln. Es stimmte, was diese Königin des Himmels da in Frage stellte, denn keiner der Dorfbewohner hatte jemals den Berg erklommen und erfahren, ob die Sage tatsächlich der Wahrheit entsprach. „Ok,“ entschied Marte mutig, „ich werde die Erste sein, die es probiert.“

Also begann Marte, den Berg zu erklimmen. Das Rotkehlchen flog voran und zeigte ihr den Weg. Nach einem Tag und einer Nacht hatten sie den Gipfel erreicht. Und es stimmte, was der Vogel gesagt hatte. Von hier aus hatte sie einen weiten Blick auf eine Welt, wie sie ihn noch nie zuvor in ihrem Leben hatte. Die Wolken waren plötzlich unter ihr und wenn sie den Kopf in den Nacken legte sah sie nichts als blauen Himmel und gelbe Sonnenstrahlen. Und bereits jetzt spürte sie, wie sich die Klemme um ihr Herz leicht zu lösen begann.

Dann kamen noch mehr dieser roten Kehlchen angeflogen und reichten ihr einen grünen Ballon voller Luft. Marte nahm ihn in ihre Hand. Sogleich hoben sich ihre Füße vom Stein ab und sie flog wie die Vögel in der Weite des Raumes umher. Die roten Häuser, die grünen Bäume, der graue Berg lagen unter ihr und waren plötzlich ganz winzig klein und unbedeutend. Marte fühlte sich federleicht und stimmte in das Lied der Rotkehlchen ein. Ja, sie war so froh, dass ihr blaues Wasser in die Augen stieg und in kleinen Tropfen zu Boden fiel. „Was passiert mit mir?“, flüsterte Marte der Königin des Himmels zu. „Die Tränen des Glücks und der Erleichterung regnen aus den Wolken heraus und lassen alles wachsen.“ – „Wie aber,“ gab Marte zu bedenken, während ihr rotes Mäntelchen leicht im Wind flatterte, „komme ich auf den Boden zurück, wenn mich nichts mehr nach unten drückt?“ Denn sie hatte die Befürchtung, dass sie jetzt für immer im Himmel schweben müsste und das erschien ihr doch gegen die Natur zu sein. „Wenn der Ballon platzt, falle ich und niemand kann mich auffangen.“ „Die Erde lässt dich sanft landen, sie ist doch deine Heimat,“ zwitscherten die Vögel nun im Chor, flogen näher an sie heran und ließen, ohne dass Marte noch irgendetwas sagen konnte, den Ballon mit ihren Schnäbeln zerplatzen. Und mit dem Knall begann sie auch schon zu fallen und zu fallen und zu fallen.

Nach einer Weile hatte sie die Erde erreicht und fiel sanft in einen bunten, weichen Haufen hinein. Ein Maulwurf schaute aus ihm heraus und blinzelte ihr zu. Sein Fell war ebenso schwarz wie Martes Stein in der Brust und das Tier schien ihr auch sonst verwandt zu sein. „Wer bist du?“, fragte Marte. „Ich bin Maurus, der Maulwurf. Der Herrscher des Erdreichs.“ Dabei gestikulierte er wild mit seinen großen Pfoten. „Was machst du hier?“ „Ich bin vom Himmel gefallen,“ sagte Marte. „Warum?“, fragte der Maulwurf. „Weil ich darüber nachdachte, was in mir ist, das drückt, das zu klemmen scheint, das sich anfühlt wie ein schwerer, schwarzer Stein,“ antwortete Marte. Und während sie das sagte, zeigte sie auf ihren Herzensraum und atmete dabei ganz tief ein und wieder aus, damit das Tier sehen konnte, wovon sie sprach. „Grab mit mir,“ forderte sie der Maulwurf unvermittelt auf, „denken nützt da nicht viel, glaub mir.“ „Ich kann aber nicht graben,“ jammerte Marte und zeigte dem Maulwurf ihre kleinen Hände mit den kleinen Fingerchen daran. „Du hast es sicherlich noch nie versucht,“ entgegnete ihr der Maulwurf und er hatte damit durchaus recht. „Aber wie soll ich denn das anstellen,“ empörte sich Marte, „ich habe keine Pfoten, so wie du.“ „Oh, doch,“ sagte Maurus, „jeder hat Pfoten, auch du! Komm mit mir auf den Grund.“ „Auf den Grund?“ Die Vorschläge des Tieres wurden immer seltsamer. „Ja, wenn du auf den Grund siehst, wird es klar.“ „Aber ich darf nicht auf den Grund hinabsteigen, denn es geht die Sage, dass Menschen, welche Löcher und Höhlen in den Boden graben, das Fundament des Dorfes zum Einsturz bringen und somit Häuser und Bäume für immer zerstören.“ „Weißt du das oder vermutest du das?“ Der Maulwurf ließ nicht locker. „Es wurde mir gesagt.“ „Glaubst oder tust du alles, was man dir sagt?“ Marte kam ins Grübeln. Es stimmte, was dieser Herrscher über das Erdreich da in Frage stellte, denn keiner der Dorfbewohner hatte sich jemals in das Erdreich gegraben und erfahren, ob die Sage tatsächlich der Wahrheit entsprach. „Ok,“ entschied Marte mutig, „ich werde die Erste sein, die es probiert.“

Also begann Marte, sich mit ihren kleinen Händen tapfer durch die Erde zu buddeln. Der Maulwurf zeigte ihr den Weg. Nach einem Tag und einer Nacht hatten sie den Grund erreicht. Und es stimmte, was Maurus gesagt hatte. Hier ganz tief drinnen hatte man ein klares Gefühl für sich Selbst. Die Welt lag nun über ihr und wenn sie den Kopf in den Nacken legte, fühlte sie nichts als weiche, bunte Kissen, die sie stützten und sanft betteten. Manche waren kariert und getupft, andere liniert oder geblümt. Hier, auf dem Grund, konnte sie erkennen, wie einzigartig jedes von ihnen war. Und Marte fühlte sich geborgen, wie noch nie in ihrem Leben.

Dann kamen noch mehr dieser Maulwürfe, kuschelten sich mit ihrem dichten Fell liebevoll an sie und reichten dem Mädchen ihre großen Hände. Sogleich erhob sich ihr Gemüt aus der dunklen Tiefe. Die roten Häuser, die grünen Bäume, der graue Berg und die bunten Kissen lagen wie eine schützende Decke über ihr und waren plötzlich ganz wunderbar bunt und bedeutend. Marte spürte erneut, wie ihr blaues Wasser in die Augen kam und durch den Boden zur Erde stieg. „Was passiert mit mir?“, flüsterte Marte dem Herrscher des Erdreichs zu. „Die Tränen der Trauer steigen aus dir heraus und werden zum See, in dem sich die Seelen spiegeln und die schweren Gemüter treiben lassen können.“ – „Wie aber,“ gab Marte zu bedenken, während sich der schwarze Stein aufzulösen begann, „komme ich nach Hause zu meinem Baum zurück, wenn ich mich so sehr fallen lasse?“ Denn sie hatte die Befürchtung, dass sie jetzt für immer in diesem Meer der Kissen liegen müsste und das erschien ihr doch gegen die Natur zu sein. „Die Wurzeln in der Erde zeigen dir den Weg in deine Heimat. Du kannst so lange hier bleiben, wie es dir gut tut und dann selbst entscheiden, entlang der Wurzeln zurück zu wandern. Man kann in diesen Gängen nämlich gleichermaßen vorwärts wie rückwärts kriechen,“ sagten die Maulwürfe im Chor, kuschelten sich noch näher an sie heran und ließen sie, ohne dass Marte noch irgendetwas sagen konnte, ausruhen.

Nach einem Tag und einer Nacht machte sich Marte auf den Heimweg und wanderte zurück zum Dorf, lehnte sich wieder an den Stamm des Baumes und als sie die Augen öffnete, stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass er an den dünnen Ästen nun grüne Blätter und rote Beeren trug. Da lachte Marte laut auf und mit dem Lachen flog die Bedrückung davon und löste die Klemme um ihr Herz, so dass diese zu Boden fiel. Als das Mädchen zurück zu den roten Häusern ging, begegnete sie allen Dorfbewohnern froh und munter und lüftete jedes Mal ihr rotes Wollmützchen zum Gruß. „Was ist denn nur mit der Marte passiert?“, fragten sich alle und auch ihre Eltern sprachen: „Marte, warum warst du so lange fort, was hast du gemacht?“ Da antwortete sie: „Ich habe ganz einfach aufgehört zu warten. Marte wartet nicht mehr.“

© Verena Meyer, Februar 2014

Foto: Marte fliegt, Collage aus Stoff und Farbe auf Papier, Verena Meyer 2014

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